Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
„Selbstverständlich, Sir“ Es fühlt sich an als hätte Nico mich geschlagen. Direkt in den Bauch, dass mir die Luft wegbleibt. Ich gebe mir Mühe, es mir nicht anmerken zu lassen, aber mein Herz hat sich kurzfristig dazu entschieden sich in Stein zu verwandeln, aus meinem Körper zu lösen und dreißig Meilen unter die Erdoberfläche zu fallen und ich kann ihm nur dabei hinterher sehen. „Ah, ich meine, ich versuche es.“ Ich hebe den Blick und lächle ein wenig. Es ist erzwungen, aber es wird genügen. Nico sieht es schon nicht mehr als er sich abwendet und gemeinsam mit Asya das Abteil verlässt. Seine Korrektur relativiert den Schlag ein wenig. Und doch hat er mich mit drastischer Deutlichkeit daran erinnert, warum mir die Aussicht, mit meinem Bruder als Valet zu reisen so sehr missfallen hat. Egal was er tut, er wird mein Diener sein und er wird sich wie mein Diener verhalten. Weil die Momente in denen wir ungestört sind, verschwindend gering sein werden und es ihm womöglich im Blut liegt, auch in diesen Momenten Aufgaben auszuführen, die er sonst auch ausführt. Es wird schwer werden. So unendlich schwer. Ich habe wirklich keine Ahnung wie ich das Wochenende überstehen soll. Ungefähr so muss sich Moses gefühlt haben, als er herausfand wer er ist und um den Schein zu wahren gezwungen war, mit seinem eigenen Volk wie Sklaven umzugehen. Das ist es was mich stört. Für Nico mag es eine Berufung sein und es mag Stimmen geben, die sagen, dass die Diener nichts anderes kennen als das. Für jeden Anderen mag mir das auch Recht sein, erkenne ich das System an, befürworte es vielleicht sogar – ich weiß den Luxus eines guten Valet zu schätzen. Aber Nico ist mein Bruder. Und es fühlt sich ungerecht an, ihn nicht wie meinesgleichen zu behandeln. Ungerecht, nicht von ihm als seinesgleichen behandelt zu werden. Ja, ich sehe in ihm mehr einen Adeligen als in mir den Diener und vielleicht ist das arrogant, wo wir doch beide zu selben Teilen das selbe Blut in uns tragen. Und vielleicht ist es wider jedes Gesetz, jeden Anstand. Und doch ist es das was ich fühle. Ich werde all das unterdrücken müssen. Auf immer. Mir fallen Nicos Worte ein. Es ist nicht mehr so einfach wie damals in Kentfordshire Wood. Nein, das ist es nicht.

Nascha flattert durch das Abteil zu mir als sich die Abteiltür hinter Nico schließt. Sie setzt sich auf mein Knie, sieht mich ernst an und fordert damit alle Aufmerksamkeit von mir. Ich unterbreche meine Gedanken und sehe zu ihr. „Dir ist klar, was das bedeutet?“, fragt sie ernst, fast streng. Jede Scherzhaftigkeit, die sie noch mit Asya gehegt hat, ist aus ihrer Stimme verschwunden. Nicht minder ernst, ein wenig unwillig dabei sehe ich zurück in ihre runden dunklen Augen. „Was meinst du?“„Ich meine, dass Nico keine weiße Schürze trägt und dass du mit dem Feuer spielst.“ Wütend ziehen sich meine Augenbrauen zusammen. „Nico?!“, frage ich ungläubig. Jetzt wird auch Nascha kiebig. Sie weiß, dass ich mich dümmer stelle als ich bin. Sie kann es nicht leiden wenn ich das tue. Aber ich gebe ihr zu ungern Recht. Es ist ein Gedanke, der mir gekommen ist, den ich aber kategorisch ausgeschlossen habe und ich würde es gerne dabei belassen. Selbst wenn… ich komme nicht umhin zuzugeben, dass mir der Gedanke gefällt. Das sollte mir Sorgen machen. Ich weiß das. Und ich weiß, dass Nascha das vorbringen wird bevor sie es ausspricht. „Ja, Nico. Was glaubst du was eine Stellung im Dienst eines Paktmitglieds bedeutet. Er hat es dir regelrecht gestanden. Und du machst immer noch die Augen zu.“ So weit wäre ich nicht gegangen. Ihn ein Mitglied des Pakts zu nennen. Nascha übertreibt. Aber ich verstehe worauf sie hinaus will. Es stört mich aber, dass sie so etwas hervor holt, dass sie es wagt, so über meinen Bruder zu denken. „Und wenn?“„Dann könnte dich diese Sache mit dem Jungen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.“„Wer wollte denn noch eben mit Asya das Magisterium erpressen?!“, entgegne ich angestrengt um nicht zu laut zu werden und Nascha dennoch meine Wut spüren zu lassen. Sie ist so selbstgerecht, so vorlaut… Aber sie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Die strenge Härte bleibt. „Das waren Intrigen innerhalb des Magisteriums. Du kennst das, daraus drehen sie einem keinen Strick wenn man es richtig anstellt. Jeder Zweite arbeitet sich dadurch nach oben und wir spielen schon zu lange mit fairen Mitteln. Das hier, das ist wenn es wahr ist etwas vollkommen anderes. Das betrifft die Feinde des Magisteriums. Und du weißt am Besten, dass sie damit keinen Spaß verstehen.“ Einen Moment sehe ich sie nur wütend an. Sie sieht das als Einladung mir weiter die Leviten zu lesen. „Wenn irgendjemand Nicos aufgefrischte Verbindung dorthin entdeckt und heraus kommt, dass ihr eine enge Verbindung habt, müssen sie nur eins und eins zusammen zählen und du hängst als Verräter am Strick.“ Es schmerzt so tief was sie sagt, aber dass sie das überhaupt denkt, dass sie wagt auszusprechen, was ich zwar auch gedacht aber mich bewusst dazu entschlossen habe, es nicht in Betracht zu ziehen, das stört mich am meisten daran. Ihre Unverfrorenheit. „Und was schlägst du vor?! Den Kontakt zu Nico nach Sheffield abbrechen und den Jungen einfach wieder vergessen?! Was ist mit Asya?! Was ist aus dem ganzen ‚Sie ist meine Schwester‘-Firlefanz geworden?!“„Manchmal muss man Opfer eingehen.“ Ich starre sie an. Ich kann nicht fassen, dass sie das gerade gesagt hat. Ich weiß wie kaltblütig sie sein kann, aber das hier hat eine neue Stufe eingeläutet. „Nein.“, ist alles was ich antworte.

Sie sieht mich weiter an. „Nein.“, bekräftige ich noch einmal entschlossen und meine Stimme ist unbarmherzig. Einen Moment sieht sie mich noch so an. Dann bricht sie erneut mit ihrer harten Stimme die Stille. „Du willst, dass es etwas mit dem Pakt zu tun hat, oder? Du willst, dass wir als Verräter enden?“„Nein“ Aber ich hebe den Blick, sehe aus dem Fenster, fort von Nascha und meine Stimme klingt wenig überzeugend. „Was ist aus dem Kampf gegen den Adel geworden? Was ist aus den Forschungsprojekten geworden?“ Finster sehe ich sie an und sage nur Nicos drei Worte. „Exitus acta probat?“ Das ist alles was es benötigt um sie an die Dinge zu erinnern, die im Namen der Forschung durch das Magisterium geschehen. Die andere Seite der Medaille, vor der es so leicht ist die Augen zu verschließen. Und doch hat sie in den letzten Jahren so oft an unsere Tür geklopft. Das kann ihr nicht entgangen sein. Und tatsächlich schweigt sie einen Moment bevor sie fortfährt. Ihre Stimme hat an Härte abgenommen. „Das ist kein Räuberspiel in Kentfordshire Wood mehr.“, greift sie die Metapher auf, die auch mir zuvor in den Sinn gekommen ist. Als müsste ich daran erinnert werden. „Wenn wir die Stellung im Magisterium verlieren, dann sind wir nichts mehr. Dann haben wir nichts mehr. Keinen Ruf, kein Geld, keine Anstellung. Und was willst du dann machen?! Auf Schuster umlernen?! Oder in der Fabrik am Fließband arbeiten?! Und damit ist jede Chance deinem Vater einmal in unserem Leben nochmal zu begegnen dahin. Hast du die harte Arbeit vergessen, die uns hierhin gebracht hat? All die Dinge, die uns das gekostet hat? Nico ist längst gefallen. Ich bin mir sicher, dass er nicht freiwillig im Dienst des Magisteriums steht.“ Ich frage mich woher sie diese Gewissheit nimmt. So muss es nicht gewesen sein. Es gibt tausend andere Möglichkeiten wie sein Wechsel zwischen dem Earl of Berfolk und dem Magisterium abgelaufen sein könnte. „Aber du hast hierhin gewollt. Wir haben hierhin gewollt. Es wäre leichtfertig das alles aufs Spiel zu setzen für ein kleines bisschen Abenteuer spielen.“„Damit hat es nichts zu tun.“, antworte ich, während ich stur hinaus auf die vorbei ziehende Landschaft sehe. Dem Sonnenstand nach zu urteilen geht es auf 15 Uhr zu. „Ich weiß.“ Ihre Stimme klingt jetzt sanft, fast liebevoll. Ich verliere jedes Mal meinen Hass auf sie wenn sie zeigt, dass sie mich versteht. Und das hasse ich am meisten. Das Gefühl ist sofort wieder zurück. Aber nicht mehr so stark wie zuvor. Es ist schwach genug um ihr zuzuhören. „Ich bitte dich nur, überleg es dir gut.“

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Wie lange soll ich denn hier noch vor dem Abteil warten. Diese und ähnliche Gedanken geistern mir durch den Kopf. Als ich mich tatsächlich nicht von der Stelle gerührt habe und brav darauf vertraue das sich die Abteiltür schon öffnen würde. Gloria wischt mit ihrem buschigen Schwanz unsichtbare Staubkörner vom Boden und ich war heilfroh das mein Daemon an meiner Seite ist. Hmpf. Wie lange soll die Diskussion im Inneren des Abteils denn noch gehen? Vermutlich bis zur Endhaltestelle. Bei diesem Gedanken ertappe ich mich dabei wie sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln verziehen.

Doch so lange muss ich gar nicht warten und die Abteiltür öffnet sich. Vorsichtig schiele in Richtung des Herren, der sich in meine Richtung bewegt. Und zucke dann leicht zusammen, als er mich beiseite nimmt und ich ihm widerspruchslos folge. Vielleicht liegt das aber auch daran das mir mein Herz bis zum Hals pocht und ich das Gefühl habe meine Zunge schwillt in meinem Mund an. Gloria unterdessen lässt ihren Blick auf mir ruhen. Wirkt da ihr Blick tatsächlich mitfühlend? Bei der Eröffnung seiner Worte, strahlen meine Augen tatsächlich hell in meinem schmutzigen Gesicht. Auch wenn sich mein Blick im nächsten Moment zu Boden senkt.
“Da.. Danke Sir.“
Gelingt es mir dann doch irgendwie über meine Lippen dringen zu lassen.

Auch wenn mir etwas mulmig ist, lasse ich meinen Blick aus dem Augenwinkel in seine Richtung gleiten.
“Ich.. mh.. werde jeder eurer Anweisungen gehorchen.“
Auch wenn mir das gar nicht passt. Aber besser als aus dem fahrenden Zug geworfen zu werden. Und so platziere ich mich direkt vor der Abteiltüre und hebe meine Hand an. Diese balle ich zu einer leichtrn Faust und poche damit gegen die Abteiltüre. Hoffentlich wird mir auch geöffnet. Während Gloria mit aufmerksamen Gesichtsausdruck neben mir sitzt. Zumindest meinen Freifahrtschein bis nach Sheffield hatte ich. Yeah!

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Etwas in der Art des Jungen ist zu bemüht, um echt zu sein, denke ich, während er so vor mir steht. Aber ich weiß auch, dass ich keinen Anhaltspunkt habe und es gehört zu Asyas Konzept, die Leute so lange anständig zu behandeln, bis sie das Gegenteil bewiesen haben. Vor allem ein Kind. Also forsche ich nicht weiter nach, sondern entlasse den Jungen in Anis‘ Abteil. Er läuft etwas zu geduckt, aber ich verzichte darauf ihn zu korrigieren, so lange um ihm das abzugewöhnen, werden wir nicht gemeinsam unterwegs sein. Und er ist nun Mal ein Straßenkind und nicht das Kind eines Dieners, das von klein auf Haltung und gebührendes Benehmen gelernt hat. Meine Hand fährt geistesabwesend durch Asyas Nackenfell. Wir werden zu dem, was wir sind. Noch ein Grund mehr diesen Jungen von der Straße wieder los zu werden, bevor er seine wahren Absichten zeigt. Er hat eine Katze zum Daemon, wenn er sich derart unterwürfig gibt, dann aus echter Loyalität (unwahrscheinlich so schnell), weil er einen Plan hat oder taub vor blanker Verunsicherung. Aber im Moment ist es mir egal, aus welchen Gründen der Junge gehorcht, solange er es nur tut. Wenn er denn jetzt mit uns reist. Ich hatte es wollen, aber inzwischen... Etwas in mir wünscht sich längst, das Thema auf sich beruhen haben zu lassen. Anis und Nascha eine Entscheidung getroffen haben zu lassen ohne sich ungebührend einzumischen. Den Jungen weiter im Blick zu haben war das nicht wert gewesen. Aber Offenheit war nie meine Stärke gewesen und ich habe gelernt, dass die Male bei denen sie sich am natürlichsten anfühlt, sich im Nachhinein oft als die schlimmsten erweisen. Die, die ich am Ende am meisten zu bereuen habe. Den himmlischen Mächten gedankt, komme ich ohnehin nur noch selten in diese Verlegenheit. Genau genommen… kann ich mich nicht erinnern das letzte Mal so dumm gewesen zu sein. Asyas Zögern hätte mich spätestens zurück auf Linie bringen müssen, aber was tue ich stattdessen…? Mein Blick ist auf dem Jungen hängen geblieben. Ich bemerke mit einem Mal, dass ich ihm zwar den Namen seines kurzfristigen Herrn genannt habe, aber weder den meinen, noch habe ich ihn nach dem seinen gefragt. Ich lege etwas den Kopf schief, bin versucht ihn noch einmal zurück zu rufen, doch da hat er schon die schmale Faust gehoben und angeklopft. Am Ende ist es ja doch gleichgültig, was wichtig ist, habe ich ihm gesagt.
 
Ich drehe mich um, nachdem ich mich vergewissert habe, dass der Junge zumindest in seinen Ansätzen an dem festhält, was ich ihm soeben eingebläut habe, und lasse die Gedanken hinter mir. Ich muss als erstes die unteren Klassen erreichen… ich… es… ich spüre meine Gedanken fahrig werden. Spüre wie es mich einfach überkommt, bevor ich es auch nur in Worte hätte fassen können. Munter trabt Asya mir voran durch den Gang, ich hab Mühe ihr zu folgen ohne zu rennen und gleichzeitig spüre ich, dass sie genau das am liebsten getan hätte: Gerannt. Vor lauter Freude, so schnell und weit sie kann. Bis uns der Atem in der Lunge brennt, wir das Vibrieren der Entkräftung in jeder Faser spüren, den Geschmack von verschluckten Kupfermünzen im Mund, die Gedanken leer. Ich wäre ihr gerne gefolgt. Wäre gerannt bis ans Ende der Welt mit dieser überschäumenden Freude, die uns so urplötzlich durchströmt, als wären die letzten Minuten zwischen Anis und mir und Naschas Schweigen nicht gewesen. Aber ich tue es nicht. Ich bemerke ein leeres Abteil, weit ist es nicht mehr bis Sheffield und der Zug hat sich merklich geleert, und biege dort hin ab. Asya muss mir folgen. Ich spüre das leise Ziehen dennoch, als sie gewaltsam gestoppt wird. Früher hätte sie vielleicht dagegen angekämpft, aber sie ist nicht mehr so kindisch, nicht im Moment jedenfalls. Sie tritt hinter mir durch die Tür, macht einen übermütigen Satz auf mich zu, sobald ich mich umgedreht habe. Wirft ihren massiven Schäferhundekörper gegen mich. Ich revidiere den Gedanken sofort, ‚fange‘ sie mit einem Arm, den ich ihr um den Oberkörper schlinge, sie einen Moment festhalte mit den Vorderpfoten in der Luft, beuge mich ihr dabei etwas entgegen. „Anis und Nascha“, bringt sie übermütig hervor, als hätten wir sie erst eben im Zug wiedergetroffen. In gewisser Weise haben wir das tatsächlich erst dort. „Ist das zu fassen?!“ Ich schüttle den Kopf, grinse dabei gegen meinen Willen. Das ist nicht, weshalb ich hier abgebogen bin, aber ich kann ihre Freude nicht verleugnen. Kann meine Freude nicht verleugnen. Im nächsten Moment fährt mir eine Zunge über das Gesicht, sie weiß ich kann das nicht leiden, aber in diesem Augenblick presse ich nur stürmisch den Kopf gegen sie, atme ihren Hundegeruch ein. Weiß dass da vor kurzem noch Nascha in ihrem Fell gesessen hat. Anis und Nascha, ich kann es tatsächlich kaum fassen. Langsam lasse ich Asya wieder los und sie steht wieder auf vier Pfoten, sieht mit pendelnder Rute zu mir auf. Da ist noch eine Feder in ihrem Pelz. Hell, cremefarben, nur klein, sie muss von Naschas unterem Gefieder stammen. Ich pflücke sie aus Asyas Fell, betrachte sie. „Wir dürfen uns trotzdem nicht vergessen“, mahne ich meinen Daemon und spreche dabei mehr zu der Feder. Versuche es ganz sachlich klingen zu lassen. Ich will nicht mit Asya streiten, aber ich bemerke schon im nächsten Moment wie sinnlos es ist. Ihre Wut ist schnell und heftig. „Freust du dich denn gar nicht?!“, schnappt sie fassungslos. Ich sehe weg, schiebe die Feder geistesabwesend in die Tasche. Merkt man… merkt man mir das etwa nicht an? Und wenn sonst schon keiner, muss doch wenigstens sie das wissen...? „Das ist es nicht“, murmle ich eingeschnappt. „Du hast Angst.“ Das erkennt sie dann wieder, bemerke ich bitter bei mir. Atme tief durch und schließe die Augen. „Ja, ich habe Angst“, gestehe ich ihr.
 
„Du hast es ihm nicht gesagt“, beginnt Asya schließlich unerwartet. Sie nutzt die Situation aus, denke ich wütend. Mein Blick geht zu der Scheiben, die Landschaft die an uns vorbei zieht. Ich sollte gehen. Soll sie doch durch den Zug springen wie ein Welpe, soll sie uns doch alle bloß stellen, soll sie doch alles auffliegen lassen. Kann ich es überhaupt verhindern? „Was denkst du, weshalb ich diese Angst habe?“, frage ich sie stattdessen gereizt. Tausende Gründe, das wissen wir beide. Aber die Ursache dahinter ist die eine: Anisim und Nascha direkt wieder zu verlieren. „Was denkst du denn, was wird, wenn ich es ihm sage?“„Was denkst du was wird, wenn du es ihm verschweigst und er es irgendwann auf anderem Weg erfährt?“ Ich schweige. Asya wendet den Blick ab. Wäre sie ein Mensch, sie hätte wohl hilflos den Kopf geschüttelt. Ich kann ihre Abscheu spüren. „Weißt du?“, beginnt sie gefährlich leise. „Langsam entwickle ich echte Herzensgefühle gegenüber der Kirche. Wegen ihnen durfte ich Caspian wieder sehen. Wenigstens eine handvoll Mal im Jahr. Und jetzt Nascha. Wer weiß ob Father Ibrim nicht noch etwas einfällt bei dem du dich mit deiner Mutter aussöhnen musst.“ Sie sieht wieder auf zu mir, aber ich meide ihren Blick. „Von dir kann ich so etwas schließlich nicht erwarten.“ Ich presse die Lippen zusammen, lasse langsam den Atem entweichen und schlucke all meinen Stolz hinunter. Schlucke hinunter, wie sehr es mich verletzt, dass sie mir das gerade in diesem Moment vorhält. Aber ich erkenne den Punkt, den sie damit machen will. Und sie hat recht. Ich bin wirklich nicht besonders gut darin mir die Menschen, die ich liebe nahe zu halten. „Ich werde es ihm schon sagen“, flüstere ich fast heiser vor Scham. „Ich brauche nur Zeit…“ „Was du brauchst, das sage ich dir besser nicht“, grollt Asya scharf. „Bitte, Asya…“ Sie steht auf, mein Betteln hoheitlich ignorierend macht einige Schritte Richtung Tür. Dann bleibt sie doch stehen. „Du… du lässt mich ein paar alte Geschichten erzählen, ja? Dann jammerst du ‚Ich hatte so Angst Anis‘ und ‚Wie einfach war es in Kentfordshire Wood‘ – Mann, bist du fünf?“Ich hab mich nicht auf dem Abteilboden gewälzt und wie ein hysterischer Welpe gefiept“, falle ich ihr gehässig ins Wort, aber Asya lässt sich nicht unterbrechen. „…und brichst trotzdem jedes Mal ab, sobald es wichtig wird. Du hoffst doch ständig nur, dass er dich auf deinen Platz verweist, weil hey, dann ist doch alles so viel einfacher, wenn du nur ‚Ja, Sir‘ und ‚Amen, Sir‘ sagen brauchst. Und inzwischen glaube ich, dass das auch besser ist, denn statt irgendetwas von dem, was du dringend klären solltest, musst du ja ausgerechnet über den Pakt plaudern.“ Sie stockt abrupt. „Jetzt sag ich dir was: Du überlegst dir besser etwas Gutes, um das zu richten, und du überlegst es dir besser schnell. Weil ich nämlich nicht ewig schweigen werde. Nicht dieses Mal. Dazu bin ich nicht fähig.“ Mein Blick geht über ihre stolz gestellten Ohren, das lange, dichte Deckhaar ihres Nackens. Das Halsband, das sich darin abzeichnet. Wie die helle Wolkung sich gegen ihren fast schwarzen Pelz abhebt. Ihre feminine, schlanke Gestalt mit der fein definierten Muskulatur, die sich darunter abzeichnet, die rauen, hellen Stellen in ihrem Fell an denen sich die Narben abzeichnen. Und ich weiß es nicht… ich weiß nicht, zu was sie fähig ist. Ich weiß nur, dass sie nicht die Heilige ist, zu der sie sich hier aufspielt. Ich mag der Feigling von uns sein, aber sie hängt nicht minder an unserem Leben. Und zu was sie bereit ist, um es zu schützen macht mir immer wieder von neuem Angst. Ich folge ihr und als wir schließlich zurück auf den Gang treten, hält sie sich wieder strikt an meiner Seite.
 
Ich gehe also bis in die unteren Klassen, dort wo wir eigentlich hätten sitzen sollen. Wir fallen nicht weiter auf. Asya geht jetzt hinter mir, um nicht von vorbeigehenden Fahrgästen gestreift zu werden. Wir halten nach Gesichtern Ausschau, die uns bereits beim Einsteigen begegnet sind, als wir unseren – nicht vorhandenen – Sitzplatz gesucht haben. Männer, die bereits seit London im Zug reisen. Männer von kleiner Statur mit schmalen Schultern. Wir merken uns den Wagon und deren Sitzplätze. Dann verlassen wir die unteren Klassen wieder und machen uns auf in Richtung Gepäckwagen. Unterwegs nehme ich Asya das Halsband ab und stecke es unter mein Jacket. Zwar hätte uns die Stellung als Diener des Magisteriums einen Bonus verschafft, aber es hätte auch einen unnötigen Anhaltspunkt auf unsere Identität geliefert. Nein. In diesem Vorhaben verlasse ich mich viel lieber auf die Anonymität ein beliebiger Diener unter Vielen zu sein, im Auftrag eines beliebigen Herrn. Ich verändere etwas in meinem Gang, während ich so durch den Zug gehe. Es ist ein bestimmter Eindruck, den ich abgeben will. Ungeduldig sehe ich dafür auf meine Uhr, als wir uns dem Mann nähern, der dafür zuständig ist, dass niemand sich unerlaubt am Gepäck zu schaffen macht. Meine Schritte werden gestochen, abgehackt, meine Haltung ist jetzt leicht vorgebeugt im Übereifer meiner ach so bedeutsamen Aufgabe. Als ich vor dem Zugangestellten zu stehen komme, bin ich ein Mann ohne Zeit. Ein Mann, dem das alles hier unsagbar lästig ist, während Asya sich penetrant etwas zu weit vor setzt. Ungnädig geht mein Blick über die Umgebung. So viel Zeit wiederum nehme ich mir um stummes Missfallen über was-auch-immer kund zu tun. Die Wirkung in meinem Gegenüber ist unübersehbar. Der Mann folgt meinem Blick, seine Haltung ist direkt etwas wachsamer geworden und die Nase seines Daemons, ein mausgrauer Wieselmaki, zuckt nervös. Die Haare des Mannes sind schüttern und ebenso grau wie der Pelz seines Daemons, er streicht sie sich jetzt sorgsam an den Seiten glatt, wie um sich selbst von seinem ordentlichen Erscheinungsbild zu überzeugen. Ich lasse mir noch einen Moment länger Zeit, bevor ich zu sprechen beginne. Herablassend, als hätte er schon längst erkennen müssen, worin mein Anliegen besteht. „Mein Herr will sich vor Sheffield umkleiden. Ich benötige Zugang zu seinem Gepäck.“ Dabei lasse ich nicht einmal die Möglichkeit aufkommen, dass es mir während der Fahrt nicht erlaubt sein könnte diesen Teil des Zuges zu betreten und diese Dreistigkeit allein, scheint dem älteren Mann im ersten Moment die Sprache zu verschlagen. Allein sein Maki-Daemon keckert ungehalten, doch Asya bringt ihn mit einem gezielten Blick zum Schweigen. „Für Ihre Mühen“, schließe ich indem ich dem Uniformierten ein großzügiges Trinkgeld reiche. Er starrt auf das Geld in meiner Hand, Geld das Father Ibrim mir zur Erfüllung meiner Arbeit zugeteilt hat, und ich kann förmlich die Überlegungen nachvollziehen, die er wohl so eben angehen muss. Mein forsches Auftreten missfällt ihm, wem hätte es das nicht? Aber es sagt ihm auch, dass ich ein Mann bin, der bereit ist Ärger zu machen, wenn er nicht bekommt was er will. Und in diesem Fall bedeutet ihm sein Anliegen nicht zu erfüllen, es auch noch seinem Herrn zu verweigern. Er würde also im schlimmsten Fall auch dessen Zorn auf sich ziehen, der um so größer sein wird, wenn er sich um seine Probleme persönlich kümmern muss. Und so wie ich mich aufführe, könnte mein Herr mindestens ein Duke sein. Ein exzentrischer Mann noch dazu. Und dem allem steht eine tüchtige Summe Geld entgegen, für die er nichts weiter tun muss, als einen arroganten Diener seine Arbeit machen zu lassen. Was ist da schon ein wenig genickter Stolz? All das kann ich über sein vom Alter gezeichnetes Gesicht ablaufen sehen, wie die Projektionen einer Laterna Magica über eine vergilbte Leinwand, bevor er schließlich unwirsch die Hand hebt, mir das Geld abnimmt und mir unter Grummeln den Zugang zum Gepäckwagen aufsperrt. „Danke. Ich komme zurecht“, lasse ich ihn wissen, dass ich keinerlei Wert auf seine Anwesenheit lege, doch ich bin in diesem Moment ohnehin nicht die Art von Mann, der man gerne hilft, und seinen Posten zu verlassen wäre ein Risiko, auf das der Zugangestellte nur zu gerne verzichtet. Also bleibe ich allein im Halbdunkel des Wagens zurück. Das Rattern dröhnt in diesem ungedämmten Teil des Zugs laut in meinen Ohren wider.

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Ich sehe Nascha an, will den Mund öffnen um noch etwas zu sagen, da klopft es an der Tür. Ich schließe den Mund, sehe sie nur noch einen Moment an. Unschlüssig ob ich noch etwas erwidern soll. Aber sie weiß auch so was ich denke. Ich sehe es in ihrem Blick.

Gewaltsam wende ich die Augen ab von ihr, tippe mit einer vagen Geste auf meine Schulter. Sie flattert von meinem Knie hoch dorthin neben meinem Kopf, ihre Krallen graben sich in den Stoff meines Sakkos und die Diskussion bleibt ohne ein Fazit hinter uns liegen. Es ist ein Waffenstillstand, bei dem keiner von uns gewonnen hat.

„Herein.“, erklingt meine Stimme fest und sachlich. Streng, fast ein wenig unwillig richte ich den Blick auf die Tür des Abteils. Ich kann den Unmut über Naschas Vorschlag nicht gänzlich aus meinen Zügen verbannen. Aber ich will mein Bestes geben und mich auf das konzentrieren was auch immer dort herein kommen wird. Es hat nicht lange gedauert seit Nico das Abteil verlassen hat. Ich frage mich ob er es ist, der klopft. Oder ob der Schaffner neuen Mut für eine weitere Belästigung gefasst hat. Immerhin bin ich diesmal allein und kann all meine Wut an ihm auslassen. Fast freue ich mich auf grimmige Weise auf diese Gelegenheit. Womit ich nicht rechne ist der Junge. Ich hätte es mir denken können. Ich habe es nicht. Anmerken lasse ich es mir nicht, sondern bedenke den sich öffnenden Spalt der Tür stattdessen mit einem strengen aber sachlichen Blick.

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Vielleicht hätte ich doch die Beine in die Hand nehmen sollen, um zu türmen. Obwohl mir das gehörig gegen den Strich geht. Tz! Ich bin doch kein Feigling. Und solange Gloria die Situation für ungefährlich hält, kann es gar nicht so schlimm sein. Wieso aber dann mein Herz wie verrückt in meiner Brust pocht kann ich mir selbst nicht erklären. Und so stehe ich nun doch tatsächlich etwas unschlüssig vor der ggeschlossenen Abteiltüre.

Die Worte des Älteren habe ich noch immer im Kopf. Ich soll ihm gehorchen. Ein Wort bei dem sich meine Nackenhaare sträuben. Alles ist jedoch besser als aus dem fahrenden Zug geworfen zu werden. Und so poche ich genen die Türe und presse kurzzeitig meine Augen zusammen, bis ich Sternchen tanzen sehe. Das Signal zum herein kommen bleibt mir demzufolge verborgen. Und erst Glorias auffordernder Blick lässt mich reagieren. Somit öffne ich verspätet die Abteiltüre und strecke meinen wuscheligen Kopf in das Innere. Dann erst folgt mein schmächtiger Körper. Währenddessen hat sich Gloria an mir vorüber gedrängt und trohnt nun vor mir.

Sachte peitscht ihr buschiger Schwanz über den Boden. Und fast wirkt es so als wolle mich die Kätzin beschützen. Denn ich habe mich keinen Schritt bewegt, seitdem sich die Abteiltür hinter mir schloss. Meine Finger mit den abgekauten Nägeln verberge ich hinter meinem Rücken und hefte meinen Blick starr auf den Boden. Bloß nicht zu früh den Kopf heben und erst warten bis ich angesprochen werde.

Unter dem strengen Blick des Mannes ducke ich mich unwillkürlich und auch Gloria faucht leise. Wie um mich vor diesem bösen Blick zu beschützen.

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Die Abteiltür öffnet sich und sie schließt sich wieder. Zurück bleibt ein schmächtiger Junge mit dem Daemon einer Katze. Der Straßenjunge. Fast erwarte ich, dass sich die hölzerne, messinggerahmte Tür noch einmal öffnet und Nico jeden Moment nachkommt um den Jungen anzuleiten. Aber es tut sich nichts. Der Junge ist allein. Mit hängenden Schultern und gesenktem Blick steht er da, als erwarte er seine Strafe. Ich frage mich, ob ich jemals so dagestanden habe in seinem Alter. In der Carmelite Priory gab es genügend Situationen, in der es mir recht gewesen wäre wie ein Häufchen Elend dazustehen. Aber ich erinnere mich nur an den Zorn und den Widerstand. Die Art wie ich den Kopf gehoben hielt, den Blick meines Anklägers suchend. Fast aus Rebellion den Blickkontakt haltend. Mit jeder Faser meines aufrechten Körpers in die Welt hinaus schreiend wie sehr ich diese Männer verabscheute, die dort für unsere Erziehung zuständig waren. Mit dem Jungen ist es anders. Es wirkt als habe ihn jemand in eine Form gezwängt. Als hätte er sich verbiegen lassen. Nicht wie etwas natürliches. Aber was erwarte ich auch? Der Junge kommt von der Straße, es gibt Dinge, die lernt man nicht an einem Tag. Und für diese Verhältnisse gibt er sich Mühe. Vermutlich hat Nico ihm gesagt was nötig war. Ich muss die Umsicht meines Bruders bewundern. Er ist ein ordentlicher Valet. Er weiß was notwendig ist und scheut sich keine Sekunde es zu tun. Wäre er nicht mein Valet, wäre ich stolz auf ihn.

Während der Junge stumm dasteht und auf ein Signal von mir wartet, gebärdet sich sein Daemon in ganz anderer Weise. Fauchend und mit gebleckten Zähnen starrt mich die Katze an. Sie scheint viel mehr Ähnlichkeit mit mir damals in der Priory zu haben. Nascha blickt ungerührt aus kaum geöffneten Augenschlitzen zurück. Kaum Grund genug ihren anscheinenden Schlaf zu unterbrechen. Aber ich teile ihre Ruhe. Es wundert mich nicht wie der Daemon sich verhält. Diese Haltung wird alles andere als normal für den Jungen sein. Verglichen damit ist seine Demut bereits ein Wunder. Vermutlich fechtet er in diesem Augenblick einen inneren Kampf mit sich selbst aus. Aber es scheint ihm die Sache wert zu sein. Auch sein Daemon wird damit früher oder später seinen Frieden finden. Immerhin bis Sheffield wird er es wohl ertragen. Fürs erste steht es nicht in meiner Absicht ihn dafür zu rügen, auch wenn man das als Nachsicht bezeichnen mag.

Mein erster Impuls ist es, zu nicken, um dem Jungen zu bedeuten, dass er sich setzen darf. Zu sehr bin ich an Dienerschaft gewöhnt, die auf solche subtilen Signale nur wartet. Vielleicht bin ich zu verwöhnt. Es wird mir erst jetzt bewusst, da mir auffällt wie gebannt der Junge den Kopf gesenkt hält. Er wird meine Geste nicht sehen. Also spreche ich es notgedrungen aus. „Setz dich.“, bedeute ich ihm mit ruhiger, nachgiebiger Stimme und verfolge mit dem Blick seine Regungen. Die Beine locker überschlagen, die Hände in den Schoß gelegt und die scheinbar schlafende Nascha auf meiner Schulter sitze ich in meiner Ecke am Fenster, den Blick ins Abteil gerichtet. Innerlich auf eine amüsierte Art neugierig, warte ich darauf zu sehen, wohin sich der Junge setzen wird. Welche Seite des Abteils er wählen wird, wo Unbedarftheit und wo Angst ihre Grenzen ziehen. Als sei der Junge ein Experiment oder ein Spiegel in eine andere Zeit. Wie ein fremdes Tier, das mir durch Zufall begegnet ist, das ich nun neugierig betrachte. Ich spüre das ruhige Funkeln in meinen Augen, wie die Strenge gänzlich daraus verschwindet. Nascha mag der Sache mit dem Jungen gegenüber skeptisch dastehen. Mir wird es dagegen eine Genugtuung ihr gegenüber sein, den Jungen nun hier mit im Abteil zu haben. Wie mein persönliches Veto gegen ihre Vorschläge. Gestalt geworden in dieser zerlumpten Person. Sollte Nico Erfolg haben in seiner Abwesenheit, so werden auch die Lumpen bald Geschichte sein. Dann lässt sich aus dem Kind vielleicht wirklich etwas machen. „Wie lautet dein Name?“, frage ich es ruhig, aber bestimmt. Ich will nicht nur wissen, wie ich den Jungen ansprechen kann, ich möchte ihm auch etwas Ruhe geben. In dieser stummen demütigen Haltung gefällt er mir schon viel besser als noch vor wenigen Minuten in seinem anklagenden Ersuchen nach Mitleid. Aber mir ist bewusst, dass es sich für ihn falsch anfühlen muss, sich so zu verhalten. Ich versuche ihm dabei zu helfen, sich darin etwas wohler zu fühlen. Er wird Übung bekommen mit der Zeit. Und sollte es nur bis Sheffield sein, so hat der Junge in dieser Zeit doch etwas wichtiges fürs Leben gelernt. Dass ein wenig Anpassung und Vortäuschung einen leichter an seine Ziele bringen kann als man gemeinhin erwartet.

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Die Kätzin steht noch immer vor mir. Mit gelb glühenden Augen und gesträubtem Nackenfell. Und die Geräusche die aus ihrer Kehle dringen wirken alles andere als freundlich. Im Gegenteil. Das fauchen hat einen bedrohlichen Touch. Am liebsten hätte ich meinem Daemon zugrflüstert das alles in Ordnung ist und sie sich wieder beruhigen kann. Doch offensichtlich spürt Gloria das mein inneres Seelenleben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und das nur weil ich diesen beiden Herren begegnet bin? Nein. Der Grund liegt viel weiter zurück. Seit meiner eigentlichen Flucht. Bei diesem Gedanken balle ich meine Finger zu Fäuste und starre stur zu Boden. Tz! Mir doch egal was der Ältere von meinem Verhalten denken mag. Es passt ihm sowieso nicht wie ich mich ihm gegenüber verhalte. Das spüre ich. Und ob dieser Gedanken umspielt ein feines Lächeln meine Mundwinkel. Ob ich mich lustig mache? Mitnichten. Dafür ist diese Situation viel zu ernst.

Schweigend verharre ich vollkommen regungslos und warte darauf bis ich direkt angesprochen werde. So wie es mir gesagt wurde. So werde ich es auch ausführen. Während die Zeit unerbittlich voranschreitet und ich das Gefühl habe am völlig falschen Ort zu sein. Dabei habe ich mich doch selbst in diese Situation gebracht. Nun ja. Nicht ganz freiwillig.

Zum Glück durchbricht die Stimme des Mannes meine düsteren Grübeleien und ich zucke leicht zusammen. Er hat mir einen Sitzplatz angeboten. Nur wo soll ich mich setzen? Ihm gegenüber? Oder doch lieber an die Türe, um nötigenfalls rechtzeitig flüchten zu können? Nachdem ich hart geschluckt habe. Setze ich mich vorsichtig auf das Polster; ihm direkt gegenüber. Herausfordernd mustere ich den Älteren. Während sich Gloria zu meinen Füßen einrollt.
“Danke Sir.“
Lasse ich pflichtschuldigst meine Stimme erklingen. Und senke meinen Blick auf meine im Schoß miteinander verschränkten Finger. Am liebsten würde ich meine Stimme gleich nochmal erklingen lassen. Doch widersage ich diesem Gefühl und presse stattdessen meine Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen.

“Rory Sir. Ich heiße Rory.“
Gebe ich meinen Namen preis und hebe Gloria neben mich. Sofort vergrabe ich meine Finger in ihrem dichten Fell und kraule die Kätzin sanft hinter den Ohren. Was der Daemon mit einem sanften schnurren quittiert und sich ihr Köpfchen gegen meine streichelnden Finger drückt.

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Jetzt hängt der Junge ein „Sir“ an seinen Dank. Immerhin, die Lektion hat er vorerst gelernt. Mal sehen wann er sie das erste Mal vergisst. Meine Augen folgen ihm während er sich erst zögerlich zu bewegen beginnt und sich dann doch einen Platz aussucht. Mir direkt gegenüber. Ein amüsiertes Lächeln streift meine Züge in einem Moment in dem der Junge zu sehr mit seinem Daemon beschäftigt ist um es zu sehen. Diesen unterschwelligen Stolz, den ich die ganze Zeit an ihm zu fühlen geglaubt habe, hat sich der Junge bewahrt. Dieser Funken, der jedes Betteln an ihm hat falsch wirken lassen. Es ist beinahe frech, sich mir direkt gegenüber zu setzen. Immerhin hat er nicht die Dreistigkeit besessen, sich mit mir auf die selbe Bank zu begeben, aber sein Platz wäre an der Tür gewesen. Der Junge kann es nicht wissen, denke ich mir, und doch muss er aus einem gewissen Instinkt heraus gehandelt haben, denn sobald er sitzt, hebt er den Blick und sieht mich mit harten braunen Augen direkt an als wollte er mir mit seinem Blick zu verstehen geben, dass ich längst nicht gewonnen habe, so sehr ich im Augenblick auch die Oberhand habe. Das erinnert mich schon viel mehr an die Carmelite Priory. Nur gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen damals und der Situation heute. Der Junge will etwas von mir. Nicht andersherum. Und er steht in meiner Schuld da ich es ihm gewähre. Selbst auf der Straße ist das kein unbekanntes Gesetz. Ganz im Gegenteil. Jeder meiner Kontakte in Eastend besteht auf dieses Prinzip. Die gesellschaftlichen Gesetze sind in ihren Grundzügen doch immer gleich, egal in welcher Schicht man sich befindet, sie sind nur in jeder Schicht auf andere Weise ausgefeilt und ihre Konsequenzen der jeweiligen Schicht in Relation gesetzt.

Der Widerstand des Jungen hält nicht lange an. Dass ich ihm ohne zu zögern ruhig entgegen geblickt habe und seinen Augen ohne Mühe standgehalten habe, mag nur ein Grund dafür sein. Die anderen sind mir bislang ein Rätsel und als der Junge den Blick senkt, sich zu seinem Daemon hinunter beugt und ihn dann hoch auf die Sitzbank neben sich holt wie ein lebendiges Kuscheltier, frage ich mich was in dem Jungen vorgeht. Er besitzt Stolz, aber auch Furcht. Es ist als würden zwei Mächte in ihm ihren Kampf gegeneinander ausfechten. Immerhin sollte es wohl beruhigend sein, dass das hier keine alltägliche Situation für ihn darstellt. Sonst hätte es diesen Kampf nicht gegeben. So etwas ist schwer vorzutäuschen. Wenn der Junge eine Masche hat, so hat sie bisher nie funktioniert. Ich frage mich ob mich das als besonders mildtätig oder besonders naiv auszeichnet. Immerhin kann ich diesen kleinen Ausflug als Nächstenliebe ausgeben. Auf meiner Seite des Deals steht nichts zu verlieren. Auch wenn Nascha den Jungen gern als Satan persönlich abstempeln würde. Ich bin bereit das Risiko einzugehen.

Der Name also. Satan ist es nicht. Rory. Ein Vorname. Klangvoll. Aber ein Vorname. Nicht ungewöhnlich für ein Straßenkind, aber äußerst unpraktisch, wenn es darum geht, einen Pagen anzusprechen. „Und dein Nachname, Rory?“, hake ich in ruhigem Ton nach. Wenn der Junge schon mitfahren möchte, dann muss er auch das volle Programm mitspielen. Davon wird ihm nichts erlassen werden. Mein Blick wandert zu dem Katzendaemon hin. Es würde mir nicht im Traum einfallen, die Kätzin anzusprechen. Aber ihr Anblick, wie sie da in den Armen des Jungen kauert und schnurrt, bringt mich doch zum Nachdenken. Ich kann es mir vorstellen, wie die beiden auf der Straße nur sich selbst haben. Wie sie so eingeschworen auf sich selbst und ihr Überleben bedacht sind, dass ihnen egal ist, was andere über sie denken, solange sie nur davon kommen. Fast kindlich störrisch leisten sie sich diese Intimität in der Gegenwart eines Fremden. Und doch zeugt es davon, dass der Junge wieder zur Ruhe kommt. Immerhin das Fauchen hat dadurch aufgehört. Ich spüre Naschas abschätzigen Blick auf die Katze. So sehr sie vorgibt unser Abkommen zu hassen, so wenig würde es ihr in den Sinn kommen in der Gegenwart Anderer so zärtlich zu mir zu sein. Ich versuche mich daran zu erinnern wann ich sie das letzte Mal so zärtlich berührt habe, wann sie mich. Das letzte Mal an das ich mich erinnere, liegt weit in meiner Kindheit zurück.

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Tatsächlich kämpften in mir gerade zwei Emotionen um die Vorherrschaft. Die Angst und die Zuversicht. Und während mir das Herz bis zum Hals pocht, so vermittelt mir Gloria doch das Gefühl das alles in bester Ordnung war. Denn mein Daemon faucht nicht mehr und auch ihr Fell sträubt sich nicht weiterhin. Und doch warnt mich etwas. Ein leises Stimmlein im Hinterkopf. Nur was soll ich machen? Ich bin auf die Hilfe und Mildtätigkeit des Mannes angewiesen Auch wenn es mir so gar nicht passt. Hmpf!

Einen vorsichtigen Blick werfe ich dann doch in seine Richtung und betrachte ihn im Profil. Seine Gesichtszüge hatten regelrecht etwas aristokratisches. Und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Nein. Ich musste im hier und jetzt leben und nicht in die Vergangenheit zurück blicken. Auch wenn dies leichter gesagt als getan ist. Gloria unterdessen spürt meine innere Zerrissenheit und schmiegt ihren Körper gegen den meinigen. So wie früher. In den zugigen und düsteren Gässchen in denen wir uns zum Schlafen gemütlich gemacht haben.

Als dann der ruhige Klang seiner Stimme an mein Ohr dringt, hebe ich vorsichtig meinen Kopf an und kollidiere mit seinem Blick.
“Ich heiße Evening Sir. Rory Evening.“
Erneut blicke ich dem Älteren entgegen. Wobei mir das Herz bis zum Hals pocht und Glorias Blick meinem Blick folgt.

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“Ich heiße Evening Sir. Rory Evening.“ Ich nicke zufrieden. Evening also. Der Abend. Was für ein malerischer Name für ein Straßenkind. Ein eleganter Klang. Damit werden wir arbeiten können. „In Ordnung, Mister Evening. Dann willkommen in diesem Abteil. Du stehst bis auf weiteres in den Diensten von Mister Anisim Langdon. Und sollte dich jemand danach fragen, zu wem du gehörst, dann wirst du genau das antworten. Solange kann dir niemand etwas anhaben. Wenn wir in Sheffield sind, werden wir eine gute Unterkunft für dich finden, wo du auch weiterhin sicher sein wirst.“ Ich sehe den Jungen ernst an und nicke noch einmal bekräftigend zur Unterstützung meiner Worte. Ich meine das ernst und ich möchte, dass der Junge sich sicher fühlt und weiß, dass es ihm gut gehen wird, solange er sich an die Regeln hält. Was geschieht wenn er sich nicht an die Regeln hält, wird Nico ihm sicherlich bereits erläutert haben. Und selbst wenn, könnten wir es uns leiten, den Jungen hinaus zu werfen, bei dem was er weiß?

Ich verfalle in Schweigen und lenke ruhig den Blick hinaus aus dem Fenster zu der Landschaft, die trostlos vor dem Fenster vorbei zieht. Ingland hat einige schöne Stellen. Aber die weiten Felder und Wiesen sind eher unspektakulär und wenn nicht gerade die Sonne scheint, können sie einsam und leer wirken. Gleichzeitig besitzt diese Leere aber auch den großen Charme der Freiheit und wenn ich die Wälder sehe, die zeitweilig vorbei gleiten, erinnern sie mich immer wieder an den Wald hinter Dode Manor. Die Landschaft selbst besitzt keine Emotion. Sie spiegelt nur wieder, was ich fühle. Die einzigen Naturkräfte, die eine eigene Emotion besitzen, sind der Schnee und das Meer. Nichts hat mich je mehr bezaubert als diese beiden Elemente. Im Grunde sind beide nur Wasser. Aber sie bergen die Macht, das Leben der Menschen zu beeinflussen und es von einem Tag auf den Anderen zu verändern. Eine Macht, die auch ich besitze. Ich wünschte ich könnte frei über sie verfügen.

Irgendwann löse ich den Blick von der Landschaft und sehe den Jungen nachdenklich an. „Du hast von einem Mord gesprochen. Wie ist es gekommen, dass du ihn mitangesehen hast?“, frage ich ruhig und freundlich. Ich stelle nicht direkt die Frage, deren Antworten mich am dringendsten interessieren. So direkt möchte ich nicht sein. Ich will dem Jungen nicht das Gefühl geben, ausgehorcht zu werden. Denn auch wenn das seine Gegenleistung für seinen Schutz sein sollte, so ist mir bei dem Gedanken unwohl, den Jungen gerade heraus zu fragen. Vielleicht bin ich zu höflich erzogen. Vielleicht weiß ich zu gut, dass er noch ein Kind ist. Vielleicht sympathisiere ich schon zu sehr mit dem streng riechenden Haufen Lumpen. Es tut mir fast Leid danach zu fragen. Aber der Junge ist ein Straßenkind und kein verwöhntes Fräulein. Es wird ihm schon nicht all zu sehr wehtun sich zu erinnern, rede ich mir ein.

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