Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
15.09.1850,
Society of Trouble's what you're in Rudeness
Es war ein Glücksgriff gewesen, aber kein unkalkulierter. Als ich die Leman Street an diesem Morgen betreten hatte, war im Zwielicht der Dämmerung noch das spärliche Licht der Gaslaternen verklungen. Auf diese Weise war es mir gelungen mir den Sergeant der Nachtschicht samt seiner noch tintenfrischen Aufzeichnungen bei Seite zu ziehen. Ein stämmiger junger Mann, der nun neben mir vor der vom Rest der Polizeistation abgetrennten Räumlichkeit des Superintendants, Chief der H Division, stand. Aus dem Augenwinkel konnte ich den unruhigen Blicke des Sergeants sehen, während ich in die Aufzeichnungen über die Meldungen der Nacht vertieft war, eine dicht beschriebene Seite Papier. Es fiel mir schwer die Buchstaben zu entziffern, aber dem anderen Mann, der mit mir vor dem Raum wartete, würdige ich dennoch keines Blickes, trotz Cyneburgs kluger Ratschläge, doch lieber Ardin das Schriftstück zu lesen zu geben. Ich wusste selbst, dass Ardin besser lesen konnte, ganz ohne den dämlichen Köter der neben mir saß. Ich würde mir gerade deswegen nicht die Blöße geben ihm den Aufschrieb hinüber zu reichen. Für einen Moment sah ich auf, mehr um meinen Augen eine kurze Pause von der Tortur durch winzige tintenblaue Schnörkel zu gönnen. Ich sah dem Sergeant ausdruckslos in das blasse Gesicht. Er war müde und ausgezerrt von der Schicht, er wollte heim zu seiner Familie, das war ihm anzusehen, aber da war noch etwas anderes. Cyneburgs riesenhafte dunkle Nase streckte sich dem Mann aufdringlich witternd entgegen, aber ich brauchte sie nicht, um so viel offensichtliche Nervosität zu bemerken. Der Sergeant wandte den Blick knapp zur Seite ab, hin zur Tür des Superintendants. Er konnte nicht wissen, dass nicht er der Grund war aus dem sie hier warteten, aber ich sah keinen Zweck darin ihn aufzuklären. Ich machte mich weiter daran die Meldungen durchzugehen. Noch hatte ich nichts auffälliges erkennen können, aber die Unregelmäßigkeiten der letzten Wochen häuften sich.

Die Unregelmäßigkeiten waren nicht das Problem. Aber das Geschäft mit diesen Unregelmäßigkeiten war ein sensibles Konstrukt und Geld und Gefälligkeiten mit denen jene meist zusammenhingen hatten ihre eigene Flussrichtung. Sie ging bis hoch an die Spitze und tröpfelte erst dann zurück nach unten. Von so etwas hatte die ganze Division zu profitieren, es konnte nicht angehen, dass ein paar einzelne Officer der Nachtschicht die Tasche aufhielten ohne dass die höheren Ränge davon erfuhren. Einfaches Prinzip, doch seit kurzem hatte es den Anschein, dass ein paar Elemente der Division daran erinnert werden wollten. Ich blieb an einem Eintrag hängen, las ihn ein zweites Mal. „Reinkommen“, bellte es in diesem Augenblick tief und ungehalten von hinter der Türe, der Sergeant zuckte zusammen. Ich zog die Oberlippe höher, presste die Zunge einen Moment unzufrieden gegen die Frontzähne, noch ohne den Blick von den Unterlagen abzuwenden. Ich las das letzte Wort ein weiteres Mal, dann gab ich den Aufschrieb kommentarlos dem Sergeant zurück und ließ den Mann stehen. Ein Constable hatte  die Tür geöffnet, bevor er scheinbar mit Anweisungen des Chiefs diensteifrig davon geeilt war und ich trat in Begleitung von Cyneburg in den Raum, noch immer peinlich darum bemüht die Illusion aufrecht zu erhalten, dass ich allein anzutreten hatte. Die Wahrheit würde mir mit genug Pech noch für den Rest des Tages wie die Pest am Arsch hängen.
Mit Anstandsdame. Otis Rhode war mit Anstandsdame vor dem Büro des Superintendants aufgekreuzt. Ein junger stämmiger Sergeant, dem der Angstschweiß aus jeder Pore troff. Ich schenkte ihm nur einen kurzen abschätzigen Seitenblick um zu sehen, dass der Junge sich noch auf zwei Beinen halten konnte. Was wollte Otis damit beweisen?! Dass er die Zügel der H Division hart in seiner Hand hielt?! Überraschung, er war nicht der hiesige Superintendant. Seine Farce hätte fast so etwas wie Überzeugungskraft gehabt, hätte ich nicht gewusst, dass er sich mit dem Lesen schwer tat und sein konzentrierter Blick auf den handschriftlichen Bericht in seinen Händen nur ein Ausdruck seiner dickköpfigen Unsicherheit war. Er kannte mich besser.

Ich beugte mich ein wenig vor, um Cyneburgs Blick einzufangen und ihr ein trockenes Lächeln zu schenken, dessen Sarkasmus sie sicherlich verstand. Ein kurzer Blick auf meine verbeulte Taschenuhr. Es interessierte einen Superintendant nur wenig wie viele Minuten er zwei Dis vor seinem Büro warten ließ. Mich dagegen schon. Und ich war mir sicher, dass er seinen Spaß daraus zog. Ich hatte die Uhr gerade wieder in der Tasche verschwinden lassen, als es hinter der gläsernen Tür mit ihrem dunklen Holzrahmen und den goldenen Lettern polterte. Dem davon eilenden Constable sah ich kurz hinterher. Der Moment, in dem Otis Rhode bereits durch die Tür ins Büro verschwunden war, Cyneburgs große dunkle Gestalt dicht auf seinen Fersen. Beinahe hätte der Bastard einfach die Tür zufallen lassen. Ich fing sie im letzten Moment auf. Im Vorbeigehen sah ich zu dem verunsicherten Sergeant hoch, den Rhode einfach hatte stehen lassen und zwinkerte ihn kurz mit einem trockenen schalkhaften Schnalzen an, das ihm nur noch mehr Angst zu machen schien, dann verschwand ich im Büro und schloss die Tür sorgfältig hinter mir wie es sich gehörte.
Ich trat ein. Machte notgedrungen noch zwei Schritte bei Seite, damit Ardin ebenfalls Platz im Raum hatte und ich nicht Schulter an Schulter - oder eher Ellbogen an Schulter, ergänzte ich böse - mit dem Anderen stehen musste. Mein Blick ging stur geradeaus, hin zum Kopf der H Division, Superintendant Mulligan. Der Mann saß selbstgefällig auf der Kante seines Stuhls, zurückgelehnt, als hätte er vor sich den Schwanz polieren zu lassen und nicht die Detectives seiner Einheit zu sprechen - aber vielleicht, und der Gedanke ließ mich mit unguter Vorahnung zurück, hatte die Aussicht auf das, was er uns zu sagen hatte, ähnlich euphorisierende Wirkung. „Inspectors“, begrüßte er uns knapp. „Superintendant“, erwiderte ich routiniert, aber nicht unbedingt motiviert. Mulligan zog die Mundwinkel hoch, lehnte sich vorwärts. „Doyle“, spie er dann aus. Doyle. Ich wusste weder in welchem Zusammenhang, welcher Verbindung oder welcher Motivation das Wort gesprochen war, aber Mulligan erwartete sichtlich, dass man ihm problemlos in seinen Gedankengängen folgen konnte und ich war nicht so dumm Fragen zu stellen. Abwarten half meistens. „Das Ale wärmer als Pisse und der Laden der reinste Puff.“ Ah. Das waren Stichworte, die es eingrenzten. In diesem Fall sprach Mulligan wohl von Doyle, dem Schankwirt des Golden Horse. Hauptberuflich dabei einen Pub zu führen, aber seine zahlreichen Nebengewerbe und ein damit in Verbindung stehender Mord von vor einigen Jahren hatten ihn ins Visier der Leman Street treten lassen. Seit her stand Doyles Laden unter der Protektion der H Division. Doyle betrieb in den Hinterzimmern noch immer Würfelspiele und ließ Mädchen gegen Provision bei sich anschaffen, aber er tat dies inzwischen mit Wissen und den vorgegebenen Grenzen - und der finanziellen Beteiligung - der Leman Street.

Verächtlich zog Superintendant Mulligan die Nase hoch. „Kommen diese irischen Hunde - Gott schütze das Empire - hier rüber geschwommen, trotz allem Gerede von 'Unabhängigkeit', wollen von unserem Kuchen abhaben und was ist? Alles was man von ihnen verlangt ist nach den Regeln zu spielen und was machen die Kartoffelfresser?!“ Mit blutunterlaufenen Bulldogenaugen funkelte Mulligan mich zornig und nach Antwort verlangend an. Ich ließ langsam den Atem entweichen. Hatte ich Lust auf diese Spielchen? Die Frage benötigte wohl keine Antwort. Aber noch weniger Lust hatte ich das hier in die Länge zu ziehen. „Sich nicht an die Regeln halten“, antwortete ich also sichtlich lustlos, was Mulligan jedoch geflissentlich zu überhören wusste. „Genau. GENAU. Können sich einfach nicht an Regeln halten, irische Mistfliegen“, triumphierte Mulligan und ich fragte mich, welchem schönen Lande dieser Erde der Namen 'Mulligan' wohl entsprungen war, aber ich behielt es für mich. Nicht zuletzt, da genau in diesem Moment die große Pointe kam. „Sie Zwei werden Doyle einen Besuch abstatten“, befahl Mulligan jetzt unverblümt. „Sir. Das ist die Arbeit eines Sergeants und ein paar Constables“, protestierte ich, noch bevor DI James neben mir dasselbe in weit ausdrucksstärkeren Worten vorbringen konnte. „Das ist IHRE Arbeit“, donnerte Mulligan kompromisslos. „Schicken Sie wenigstens nur einen von uns, Sir“, versuchte ich es noch einmal bescheidener. Wer brauchte schon zwei Detective Inspectors für diese Art von Arbeit? Mir ist klar, dass Ardin und ich Doyle damals als gewinnbringenden Fisch an Land hatten ziehen können, dass wir die Druckmittel gegen ihn geliefert hatten, dass Mulligan uns wohl deshalb für den Job wollte, aber dennoch... Ausgerechnet Ardin James...

„Widersprechen Sie ein weiteres Mal und Sie leeren die Latrineneimer in den Zellen, Sir“, äffte Mulligan mir nach, die Hitze brannte mir im Nacken. „Wollen Sie das?“„Nein, Sir“, brachte ich unter zusammengebissenen Zähnen hervor. „Dann an die Arbeit“, bellte Mulligan ungehalten und verwies auf die Tür.
Wie umsichtig, dass Rhode mir Platz machte, wahrscheinlich hätte ich mich bedanken sollen. Stattdessen stellte ich mich brav neben ihn und bedachte Mulligan mit einem ausdruckslosen Blick. Der Mann war ein schmieriges Aas, aber eines, das seine Truppe auf Trab zu halten verstand und ich wusste wo seine Knöpfe lagen, sodass ich bislang fast jeden Antrag auf Zusatzgelder bei ihm durchgekriegt hatte. Seit ich in der H Division angefangen hatte, hatte ich gnadenlos Argumente gesammelt, die bei ihm zogen und er neigte zwar dazu, wütend zu werden, wenn er nichts mehr in der Hand hatte, aber meistens war er zu eitel um dem aus der Niederlage heraus nachzugeben. Mulligan und ich hatten uns besonders gern.

Der Name Doyle sagte mir sofort etwas. Das Golden Horse. Pub mit Hinterzimmergeschäften. An welche Regeln Doyle sich wohl nicht gehalten hatte, war nicht schwer zu erraten. Das Geld floss nur in eine Richtung. Wenn es nicht mehr floss, tja, dann war etwas nicht mehr in Ordnung. Ich verlagerte in einem Anflug von Ungemach das Gewicht. Der Umstand aber war nicht genug, Mulligam regte sich direkt erstmal über die Iren auf. Ich habe in meinem Leben viele Iren kennengelernt. Dumm waren sie nicht, aber sie fielen oft unkluge Entscheidungen. Zu schade, dass unser Superintendant auch einer von der Sorte war.

Mulligan war noch am Toben als hinter ihm am Fenster eine Dohle landete und begann auf dem Absatz der Backsteine herum zu stolzieren wie auf einem Pier. Ich stieß ungeduldig die Luft aus. Und dann kam diese Anweisung. Ich drehte mich halb weg, fassungslos über die Tatsache, dass ich gerade mit Otis Rhode auf einen Botengang geschickt wurde. Der Fluch lag mir schon auf der Zunge, aber Rhode ergriff das Wort als hätte der verklemmte Mistkerl es geahnt. Finster konnte ich mich nur wieder Mulligan zuwenden und ihn dunkel anstarren. An die Arbeit. Verdammte Scheiße. “Ja, Sir“, antwortete ich emotionslos und folgte Rhode nach draußen wo ich erst einmal tief Luft holte um nicht Feuer zu speien. Mein Blick fiel auf den Sergeant, der noch immer neben der Tür auf uns wartete. Mit dem Daumen deutete ich auf den Mann. “Hast du jetzt zwei von der Sorte?! Hat Cyneburg dir nicht gereicht?“, fragte ich mit bissigem Hohn. Hervorragende Möglichkeit um Mulligans beschissene Pläne schnell wieder zu vergessen.
Aus dem Raum hinauskomplementiert, gefolgt von einem wutschnaubenden Ardin, bemerkte ich etwas Unerwartetes. Da stand noch immer in unveränderter Pose der Sergeant der Nachtschicht und natürlich hatte Ardin direkt einen klugen Kommentar deswegen auf den Lippen, ich würdigte ihn weiter keines Blickes, musterte stattdessen den Sergeant. Ich konnte es nicht leugnen: So viel Diensteifer überraschten mich zutiefst und brachten meine Theorien ins Wanken, ich dachte er türmte bei erster Gelegenheit. Das hielt mich jedoch nicht davon ab den Mann anzublaffen: „Wollen Sie Ihre Aufschriebe vielleicht heute noch der Tagschicht übergeben? Oder wo denken Sie, dass Sergeant Constantine die Meldungen eintragen soll? Etwa Constable Jones auf den Arsch?!“ Ich konnte den Unmut des Mannes sehen. Die von Müdigkeit und Überarbeitung aufgeriebene Beherrschung lag ihm so zerbrechlich dicht unter der Haut, dass ich sie förmlich darunter wegbröckeln sehen konnte. Ich gierte förmlich nach dem Widerspruch, dass er sich zu beklagen wagte, war ich doch der Grund aus dem er noch hier stand, der Grund weshalb er seine Niederschriften noch nicht längst der Tagschicht übergeben hatte. Aber der Mann schwieg eisern, es sprach für seine Intelligenz, seine Tauglichkeit für die Arbeit. Und wenn er nach den Regeln spielte, dann hatte sein mustergültiges Verhalten und sein diensteifriges Warten sich darin ausgezahlt, dass er einem Inspector damit im Gedächtnis bleiben würde. War er nicht das unschuldige Schaf, das er hier vorgab zu sein, dann stand das Schicksal des Mannes ohnehin auf einer anderen Münze geschrieben. „Gehen Sie schon, Sergeant.“„Ja, Sir.“ Er verschwand. Cyneburg sah ihm nach. Sie fragte mich, für wie klebrig ich die Hände des Mannes wohl hielt, aber ich antwortete ihr nicht.

Und weg war die letzte kostbare Ablenkung, bevor ich mich mit Ardin auseinandersetzen musste. Ich warf ihm den ersten Blick des Tages zu. Er sah beschissen aus, wie üblich. Wenn es stimmte, was Margory mir einmal im Vertrauen gesagt hatte, dann schlief er kaum mehr als ein paar Stunden. Aber wenn sie erwartete, dass ich ihrem Mann deswegen den Arsch streicheln würde, hatte sie sich geschnitten. Margory war eine wundervolle Frau, aber das konnte sie mal schön selbst machen. Ich hatte seit her trotz allem nichts mehr über die blasse Haut und die Augenringe gesagt, nichts mehr darüber ob Ardin die Nacht durchgesoffen hätte. Wegen der Frau eben, die wollte man nicht zum Feind. Problem war, was anderes fiel mir nicht ein, was ich hätte sagen können. Also sah ich wieder weg, ging voran zum Tisch des wachhabenden Sergeants gegenüber der Eingangstür und trug Ardin und mich für die nächsten Stunden aus. Ich nahm mir Hut und Mantel und verließ von Cyneburg gefolgt die Polizeiwache in der Leman Street.
Otis Rhode besaß viele Fertigkeiten, aber Antworten gehörten ganz offensichtlich nicht dazu. Was hatte ich auch erwartet? Dass er sich dazu herabließ meine Anwesenheit zu bemerken?! Gott bewahre, dass sich der hohe Herr mit dem niederen Fußvolk abgab. Ich hätte ihm gerne jetzt schon für seine Arroganz eins in die Fresse verpasst. Stattdessen beobachtete ich mit abwertendem Gesichtsausdruck wie Otis den Sergeant rund machte, als würde das irgendetwas beweisen. Ja genau, Otis Rhode, du bist der große Hecht. Gelangweilt blieb ich wartend stehen bis das Drama ein Ende hatte, ließ den Blick an die Decke schweifen, die Hände in den Hosentaschen, bevor ich dem schlussendlich das Weite suchenden Serge kurz kritisch hinterher schaute, das Zittern seiner Hände mit denen er den Bericht festklammerte, bei mir abspeichernd.

Ich sah zurück zu Rhode und traf dessen Blick. Ausdruckslos erwiderte ich ihn, ohne etwas zu sagen. Was würde jetzt kommen? Nichts. Rhode wandte sich ab. Ich atmete tief durch. Mein Blick ging zur Seite, vor der Fensterfront flatterte nun aufgeregt ein dunkler Vogel. Dass sie es niemals lernte. Das dumme Ding. Mit einem Mal war Stille am Fenster. Sie würde vor der Tür warten, natürlich. Wie ich mich schon darauf freute. Gelassenen aber nicht sonderlich motivierten Schrittes folgte ich Rhode, der bereits mit Feder und Papier hantierte. Na hoffentlich schaffte er das ohne Buchstabendreher. Ich war nicht traurig darum, dass er sich darum kümmerte. Ich griff mir Hut und Mantel, aber bevor ich Otis zur Tür hinaus folgte warf ich noch schnell einen versicherden Blick auf die Liste des Sergeant. Nur um sicher zu gehen. Mein Name stand darauf. Ich traute Rhode nicht weiter als ich ihn werfen konnte.

An zwei hastigen Constables, die ich mit kritischen Blicken bedachte, schob ich mich durch die Vordertür hinaus, setzte meinen Hut auf und zog den Mantel über. Otis war bereits voran geschritten mit seinen langen Beinen, ohne Rücksicht auf Verluste. Stumm wie ein Fisch. Wie er es gerne hatte. Ein Glück war wenigstens sein Sohn nach der Mutter gekommen. Anders hätte ich es auch nicht mit dem Jungen unter einem Dach ausgehalten. Wozu fütterte ich den Jungen eigentlich mit durch?! Margory hätte mir tausend Gründe nennen können, glücklicherweise war sie nicht hier. Dafür eine krächzende Dohle, die sich nun von einem der Dächer zu mir hinab stürzte. Ich ignorierte sie während sie auf Cyneburgs Rücken Platz nahm wie ein Kamelreiter.

Kaum bei Otis angekommen, schielte ich ihn finster von der Seite an. “Ist einer deiner guten Tage, was? Guten Morgen Ardin, schön dich zu sehen Ardin, wie geht es denn meinem Jungen, Ardin?“, biss ich ihm von unten entgegen wie eine vernünftige Unterhaltung in einem anderen Universum ausgesehen haben könnte. Es war unfair die Ben-Karte zu ziehen. Aber ich benutzte sie gerade deshalb so verdammt gern. Ich würde Otis nicht den Gefallen tun, noch einmal nachzufragen was er mit dem Sergeant zu schaffen hatte, den er ganz offensichtlich aus der Nachtwache gefischt hatte. Die Nachtwache. Wütend stellte ich fest, dass mir das offensichtlichste entgangen war. Oh, Otis Rhode, ich hätte dir in diesem Moment noch doppelt und dreifach eine verpassen können. Ich biss die Kiefer fest aufeinander. “War der verdammte Sergeant auch noch dumm genug etwas davon aufzuschreiben?!“ Den Blick stur geradeaus gerichtet, brach ich meinen gerade eben erst gefassten Entschluss, nichts mehr zu der Sache zu sagen. Bevor ich nicht vor Otis im Dreck rutschte, würde der sowieso nicht mit der Sprache herausrücken. Oh das würde ihn noch etwas kosten! Den Dreckskerl Finsteren Blickes schob ich mich an Otis‘ Seite die Leman Street hinunter und war plötzlich auf perfide Weise dankbar für all den Gestank und den Dreck und die selten gewaschenen Leiber, durch die wir uns zur nächsten Kreuzung arbeiten mussten. Wenigstens die schlugen nicht zurück.
Ich geriet aus dem Tritt als Ardin meinen Jungen erwähnte, wäre um ein Haar mit einem von oben bis unten von Rußflecken bedeckten Kohleschlepper zusammengestoßen, der so tröge und erschöpft von seiner Arbeit war, dass er nicht einmal deswegen aufsah. Dafür ein keifendes Weib, das gerade im letzten Moment noch ausweichen konnte. Wie gerne ich mich umgedreht hätte, wie gerne ich Ardin die verdammte Selbstgefälligkeit aus dem Leib geprügelt hätte. Für all das, was der hatte und ich nicht. Gerade hier auf der Straße. Aber natürlich tat ich es nicht. Respekt vor Uniform und Abzeichen waren hier draußen noch immer verloren genug, ganz ohne zweier DIs, die die Straße zu einem Jahrmarkt machten. Hier draußen galt es Einigkeit zu demonstrieren, denn jede Schwäche würde ausgenutzt werden, das war ein simples Naturgesetz. Aus diesem Grund verringerte ich jetzt auch ein wenig das Tempo, ich wollte kein Aufsehen damit erregen, dass Ardin mit atemlos wie ein zänkisches Weibsbild hinterherhetzte. Vielleicht hatte ich auch die Hoffnung ihm in einem unachtsamen Moment doch wenigstens einen – völlig versehentlichen – Stoß mit dem Ellbogen versetzen zu können, für so viel bodenlose Dreistigkeit. Dafür, dass er wagte meinen Jungen zu erwähnen, der schon viel zu bald nicht mehr mein Junge sein würde und den ich nicht einmal in der Handvoll Jahre, die ihm noch blieben in meinem Haus haben konnte. Dem es gut ging, denn nicht einmal Ardin James wäre so herzlos gewesen das Gegenteil nicht zu erwähnen. Aber was zählte es schon? Das Lamm würde zur Schlachtbank gehen, mager oder fett, krank oder gesund. Es war noch nicht einmal Mittag und Ardin hatte mir schon wieder das dringende Bedürfnis vermittelt meine Gedanken in irgendetwas zu ertränken, das sie für ein paar Stunden ruhig stellen konnte und wäre es allein durch die kostbare Schwärze der Bewusstlosigkeit.

Aber ich hatte einen Deal mit mir selbst, mit der Welt, mit Cyneburg, dem Geld, das ich sonst so gut zusammenhalten konnte, schon allein um es diesem Halsabschneider Ardin in den Rachen zu schieben, damit er meinen Jungen durchbrachte. Es gab genau einen Tag im Jahr, an dem ich mir das leisten konnte, an allen anderen musste ich mehr Disziplin beweisen. Und deshalb tat ich nichts, ging nur stur weiter geradeaus. Vielleicht auch wegen dem – völlig falschen – wohligen Gefühl, das Cyneburg mir vermittelte, weil sie mit der Dohle vereint war, die jetzt lustig auf ihrem Rücken hockte. Und ich fragte mich, ich fragte mich nicht zum ersten Mal, was es auf der Welt war, dass unsere Frauen damals noch, dass unsere Kinder, ja, selbst unsere Viecher allesamt prächtig miteinander auskamen, aber Ardin und ich uns bis zum heutigen Tag aufs Blut hassten. Hatte sich die ganze Erde gegen uns verschworen?! Und da erwähnte Ardin den Sergeant, noch kurz zuvor hätte es mir eine diebische Freude bereitet ihn zappeln zu lassen, aber jedes Gefühl in mir war noch zu erschlagen. Ich ging noch etwa zehn Schritte, bevor ich emotionslos sagte: „Es ist nicht was er aufschreibt, sondern was er nicht aufschreibt.“ Ich ging weitere zehn Schritte schweigend. „Zwischen zwei und vier Uhr in Whitechapel und alles was er einträgt ist schon wieder nur eine verdammte Störung der Nachtruhe an den Docks?!“ Ich schüttelte den Kopf, sagte aber nichts weiter, selbst Ardins Affenschädel war in der Lage die Zeichen zu deuten.
Kein Ausbruch, nicht einmal ein einziges Wort. Das einzige was sich regte war ein heftiger falscher Tritt, der Otis ins Schwanken brachte und damit den direkten Zusammenstoß mit den Passanten. Eine ältere Frau wagte es Otis anzukeifen. Der reagierte nicht. “Halten Sie mal schön die Luft an!“ Wenn einer Otis ankeifte, dann ich. Sie schimpfte mir noch etwas hinterher, ich schimpfte zurück, aber sah schon nicht mehr zu ihr nach hinten. Bald war sie in dem Gedränge verschwunden. Sie verschwanden alle wieder, wenn sie nicht direkt die Fäuste sprechen ließen.

Zurück also zu Otis. Er wurde langsamer, wartete darauf, dass ich zu ihm aufschloss. Ich hasste es wenn er das machte, ich war kein kleiner Hund, der ihm hinterherdackelte. Trotzdem sagte ich nie etwas dagegen weil es verdammt nochmal nötig war, dass er wartete. Auch wenn ich es nicht gerne zugab. Wer hat schon so scheiß lange Beine?!!

Immerhin, ich hatte scheinbar einen Treffer gelandet. Otis redete wieder mit mir. Seine Stimme klang müde und ausgezehrt unter der harten, wortkargen Disziplin in Otis‘ Tonfall, die man nur durchschaute wenn man ihn lange genug kannte. Ich schluckte den Anflug eines verdammt schlechten Gewissens einfach hinunter. Brachte uns jetzt auch nichts. Ich ließ mich davon ablenken, was Otis sagte. Das was er nicht geschrieben hatte… Zwei und vier Uhr früh… Otis schüttelte den Kopf. Ich ließ meinen kompromissbereit kurz abkippen. Nicht ganz so dumm, trotzdem noch dumm genug. “Immerhin haben wir einen Zeitraum.“, gab ich optimistisch zu bedenken, in dem Wissen, dass Otis das mit Sicherheit in einem anderen Licht betrachten würde. Ich wurde nachdenklich. “Wo war der letzte wahrscheinlich realistischste Vorfall?“, fragte ich konzentriert, den Blick auf die Straße und den Matsch darauf gerichtet, aber im Kopf irgendwo auf meiner geistigen Karte von Whitechapel.
Hinter mir konnte ich Ardin gegen das keifende Weib wettern hören. Eine ganz große Leistung, erst wedelte er mir mit allem was er hatte und mir fehlte vor meiner Nase herum und dann meinte er - was?  Irgendetwas wieder gut zu machen in dem er sich aufführte wie ein blökender Esel? Ich war nicht sein Mädchen, das er damit beeindrucken konnte den längsten Schwanz der Gasse zu haben. Und als wäre das nicht genug, folgte Cyneburg, ihres Zeichens stolzes Schlachtross der schwarzgrauen Dohle, dem furchtlosen Ritter Ardin kläffend in den Krieg, um das zeternde Waschweib gemeinsam in die Flucht zu schlagen. Was sollte mir bei solch einem Zirkus mutiger Rächer schon noch zustoßen in den Straßen Whitechapels. Wie gern ich ihnen allen einfach davongelaufen wäre wie ein Junge. Wie gern ich sie schlicht und ergreifend gar nicht erst gekannt hätte.

Gleichzeitig trifft die Demonstration dessen, dass Ardin nicht annähernd so herzlos ist, wie der tollwütige Bastard immer vorgab, einen wunden Punkt in mir, den ich am liebsten weit von mir wegschob. Ich konnte das schlechte Gewissen des Anderen förmlich über den Gestank der Gassen hinweg wittern, die wir bis hin zum Golden Horse hinter uns zu bringen hatten. Und ich hasste es beinahe so sehr wie die vorangegangene Grausamkeit. Ich hasste, dass es nichts, aber rein gar nichts hätte ändern dürfen, aber es doch irgendwie tat. Cyneburg war wieder an meiner Seite, stieß mit der feuchten Nase gegen meine Handfläche, als erwarte sie auch noch Anerkennung für ihre stolze Tat. Das Vieh war noch dämlicher als Ardin. Ich zog ruckartig die Hand weg als hätte sie mich gebissen und sie begann munter voran zu traben, immer noch die Dohle in ihrem drahtigen Nackenfell nistend. Langsam ließ ich die Hand wieder sinken. Das war eindeutig genug Gefühlsschwankung für einen verdammten Tag, bald würde mir Ardins vom Holzhammer zum Ehrenrittertum Getue noch mehr Kopfschmerzen bereiten als meine verfluchte Gabe des Teufels.

Ich ließ unkommentiert was so eben geschehen war, konzentrierte mich ganz auf die Sache mit der Nachtschicht. Ein Zeitraum, ich zog spöttisch schnaubend die Oberlippe hoch. Ein Zeitraum von zwei Stunden und eine ungewöhnliche Häufung an ausbleibenden Meldungen in einer sonst hochfrequenten Zeit für Verbrechen. Nichts brachte uns das, rein gar nichts außer dem blanken Verdacht an sich. Ardins Frage überraschte mich. Was genau sollte uns die letzte Meldung davor sagen? Aber ich wollte mir nicht die Blöße geben durch Spott meine Unwissenheit zu demonstrieren, also antwortete ich erst einmal: „Ein Diebstahl. Pavillion Theatre, 192 Whitechapel Road. Sergeant Williams und Constable Richmond.“ Ich verstummte. „Die Meldung blieb ergebnislos, der Geschädigte war bei Ankunft der Officers schon nicht mehr anwesend, kein Zeichen des Diebes. Bis zum Pavillion Theatre sind es zwanzig Minuten. Deutlich weniger für einen diensteifrigen Mann.“ Ich warf Ardin einen bösen Blick zu, 'Deutlich mehr für dich, mein Freund', dachte ich dabei bei mir. Der Punkt war, bei ergebnisloser Bemühung wären die Officers in weniger als einer Stunde zurückgewesen. Aber... „Vom Pavillion Theatre wurden Williams und Richmond zu den Docks gerufen, die Ruhestörung, das war nahe Distrikt Limehouse.“ Zusammengenommen sicher eine zweistündige Abwesenheit für Williams und Richmond... „Bleibt die Frage was Desk Sergeant Jordan und die restlichen Constables in der Zeit gemacht haben.“
Whitechapel Road. Die verlief einmal quer durch den Stadtteil. Eine Meldung, die ergebnislos geblieben war. Klang getürkt. Zwanzig Minuten bis dorthin. Ich erwiderte Otis‘ Blick erbittert mit der selben verbissenen Finsternis. Sollte der sich seine stumme Häme doch in den Arsch schieben. Zurück auf die Karte. Die Docks lagen natürlicherweise an der Themse. Das hieß einmal quer durch den ganzen Bezirk. Während Sergeant Jordan warm und trocken in der Leman Street gehockt und vermutlich Tee getrunken hatte. “Wenn sie Williams und Richmond loswerden wollten, hätte es gepasst. Schicke vom Theatre den Meldejungen los, mach bei den Docks ein bisschen Krawall.“ Ich zog die Nase hoch und zuckte mit der Schulter während mein Blick ins Diesseits zurück kehrte und auf Jackdaw und Cyneburg fiel, die glücklich voran trabte, dass sich vor uns ganz von selbst die Schneise auftat. Kein einziges Mind the grease von Nöten. Grund genug die Viecher einfach machen zu lassen. “Klingt jedenfalls als sollten wir Jordan einen kleinen Besuch abstatten.“, stellte ich fest und verzog dabei das Gesicht zu einer emotionslosen Grimasse der Nebensächlichkeit. Mein Blick erfasste die Front eines Spielwarengeschäfts in dem eine kleine Eisenbahn munter im Kreis fuhr. Ich sah wieder geradeaus. Die Aussicht klang nicht schlecht, musste ich gestehen. Aber Otis musste man das nicht unbedingt sagen. Trotzdem zuckte nach wenigen Schritten mein linker Mundwinkel kurz verräterisch in die Höhe.




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